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23.11.2017 | Verband | DLV News

Kessing: „Leichtathletik noch präsenter machen“

Partner des LVR:

Mit der Wahl von Jürgen Kessing zum neuen DLV-Präsidenten beginnt im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) eine neue Ära. Sein Vorgänger Dr. Clemens Prokop hat in seiner 17-jährigen Amtszeit als Wegbereiter des Anti-Doping-Gesetzes große Fußspuren hinterlassen. Sein Nachfolger bringt als Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen und ausgebildeter DLV-A-Trainer politisches Verhandlungsgeschick und starken Leichtathletik-Bezug mit. In der Pressekonferenz am DLV-Verbandstag gab der 60-Jährige einen Einblick in seine Ambitionen.

DLV Präsident Jürgen Kessing (Foto: DLV).

DLV Präsident Jürgen Kessing (Foto: DLV).

Jürgen Kessing, Sie stehen nun an der Spitze des DLV. Wie werden Sie Ihr neues Amt angehen?

Jürgen Kessing:

Man kann von heute auf morgen nicht die Welt verändern. Das Wichtigste ist, mich erstmal im Verband bekannt zu machen und auch die Geschäftsstelle im Detail kennenzulernen, um dann die anstehenden Dinge aufzugreifen. Es stehen eine Menge Themen an, wie die Europameisterschaften in Berlin. Im Hinblick auf diese Veranstaltung stehen sicherlich verstärkt Termine an.

Ihr Vorgänger Dr. Clemens Prokop hat sich stets sehr kritisch zu Themen wie Doping in der Öffentlichkeit geäußert. Denken Sie, Sie können daran anschließen, oder sehen Sie sich nicht in dieser Rolle?

Jürgen Kessing:

Dr. Clemens Prokop ist ja nicht aus der Welt. Das Thema hat er in den vergangenen Jahren hervorragend bearbeitet. Ich scheue mich nicht, auf seine Expertise zurückzugreifen. Man kann natürlich jemanden, der neu kommt, nicht mit jemandem vergleichen, der schon 17 Jahre im Amt war. Da kann man nicht erwarten, dass man sofort das gleiche Niveau hat. Die Fußstapfen sind groß, aber man muss versuchen, eigene Spuren zu hinterlassen. Der DLV hat einen herausragenden Stellenwert, was das Thema Anti-Doping angeht, und es gibt keinen Anlass, diesen Stellenwert zu verspielen. Die Sauberkeit und Chancengleichheit ist in unserem Sport unter dem Stichwort Fairness eine wichtige Voraussetzung. Dafür werden wir alle weiter kämpfen.

Ein Großteil des Präsidiums hat sich erneuert. Sehen Sie es als Vorteil, dass es auf breiter Ebene auf verschiedenen Gebieten einen Neu-Anfang gibt, oder wäre es Ihnen lieber gewesen, in eine eingespielte Mannschaft zu kommen?

Jürgen Kessing:

Veränderung gehört zum Leben dazu. Dass jetzt relativ viele Veränderungen im Präsidium zustande kamen, ist der Situation geschuldet. Wenn einige Positionen neu besetzt werden, dann ist das auch eine Chance, bisherige Handlungsweisen zu überdenken und neue Ideen einzubringen. Die neuen Präsidiumsmitglieder haben sich überzeugend präsentiert. Ich will nicht von frischem Wind reden, weil der Verband hervorragend aufgestellt und in der Sportwelt wunderbar positioniert ist. Alleine das zu halten, wäre eine tolle Leistung. Man muss den neuen Mitgliedern eine Chance und Zeit geben, sich einzuarbeiten, um dann eigene Akzente setzen zu können.

Sie sind Politiker, die kompromissbereit sein müssen, und Bürgermeister, wie hilfreich wird Ihnen dabei diese Erfahrung sein?

Jürgen Kessing:

Sie erleben gerade in Berlin, wie schwer es ist Kompromisse zu finden. Ich glaube, die Menschen sind zunächst nicht kompromissbereit. Man hat eine Vorstellung davon, was man erreichen möchte, und dieses Ziel will man zu 100 Prozent erreichen. Wenn ich aber nicht die hundertprozentige Zustimmung für den Weg, den ich in einem Bereich vorschlage, bekomme, und ich andere für die Umsetzung brauche, dann muss ich Kompromisse eingehen und trotzdem versuchen, so viel wie möglich von meiner Vorstellung durchzusetzen. Das ist das Schöne an der Politik: Man kann in Verhandlungen und Gesprächen versuchen, die Dinge zu optimieren. Ich bin mehr als 40 Jahre in der Branche tätig und denke, dass es für mein Amt beim DLV nicht schadet, eine gewisse Kompromissfähigkeit mitzubringen.

Sie haben davon gesprochen, neue Mitglieder für den DLV gewinnen zu wollen. Denken Sie da auch an außergewöhnliche Wege?

Jürgen Kessing:

Meine Aufgabe ist es möglicherweise ein Ziel zu formulieren. Erzähle den Menschen nicht, wie man ein Schiff baut, sondern von einer schönen Reise, dann bauen sie das Schiff selbst. So ähnlich kann man sich das vorstellen. Wir haben zurzeit 800.000 Mitglieder. Der Verband ist nicht nur für den Spitzensport da, sondern auch für den Breitensport, und dieser braucht Vorbilder. Aus der großen Massen müssen wir wieder die großen Vorbilder entwickeln. Es wäre eine schöne Zahl, den Schwellenwert von einer Million Mitglieder zu erreichen. Das wird nicht von heute auf morgen gelingen. Vereine haben für mich Vorrang, ich wünsche mir, dass sich die Menschen organisieren und zusammen Sport machen.

Sie waren in Dessau kurz nach der Jahrtausendwende bis zum Stellvertreter des Oberbürgermeisters aufgestiegen. Wie kam es dazu, dass Sie das Anhalt Meeting im Paul-Greifzu-Stadion als eines der bedeutenden internationalen Meetings in Deutschland mit aus der Taufe gehoben haben?

Jürgen Kessing:

Als erstes haben wir in dem Stadion eine Tribüne gebaut und dann die alte Aschebahn gegen eine Kunststoffbahn getauscht. Wir hatten in Dessau mit Ralph Hirsch, dem Leiter des Sport- und Kulturamtes, Glück. Er hatte den Traum, große Sportveranstaltungen in Dessau auszurichten, und wir haben den Kontakt zu Sportverbänden gesucht. Wir wollten auch etwas für die Leichtathletik machen und haben Sponsoren gefunden. Mit ersten Weltjahresbestleistungen haben wir uns einen Namen gemacht. Ich glaube, wir brauchen für unsere Athleten solche internationalen Vergleichsmöglichkeiten. Es ist manchmal schwierig, in große Meetings anderer Nationen reinzukommen, deswegen muss man versuchen, vor Ort etwas zu bieten. Das ist für Nachwuchsathleten eine Chance, sich mit guter Konkurrenz zu messen.

ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky hat in seiner Festrede angesprochen, die Leichtathletik mit neuen Formaten noch attraktiver zu gestalten. IAAF-Präsident Sebastian Coe fordert eine offene Diskussion über die Disziplinen. Sind Sie offen für solche Neuerungen?

Jürgen Kessing:

Die Wettkampfformen sind überliefert und traditionell gut. Aber ich sehe natürlich auch, wie andere Sportarten es geschafft haben, aus einem Schattendasein heraus zu Trendsportarten im Fernsehen zu werden. Biathlon ist eine Sportart, die es geschafft hat, einen Hype zu entwickeln. Oder Snooker und Dart. Wir müssen schon darüber nachdenken, wie die Leichtathletik noch präsenter und attraktiver wird. Berlin fliegt! ist zum Beispiel eine super Veranstaltung, oder das ausgelagerte Kugelstoßen unter dem Ulmer Münster. Wenn die Menschen nicht ins Stadion kommen, muss man zu den Menschen hin. Die Leichtathletik ist präsent bei den Menschen, aber man muss sie wecken. Da gibt es noch Luft nach oben.

Der DLV hat in den vergangenen Jahren die Politik betrieben, internationale Meisterschaften nach Deutschland zu holen. Würden Sie diesen Plan gerne fortsetzen und die Events nutzen, um für die Sportart zu werben?

Jürgen Kessing:

Natürlich. Denken Sie an die Veranstaltungen, die wir hatten, was das für einen Schub für die Leichtathletik bedeutet hat. Alles andere macht keinen Sinn. Wir brauchen diese Großveranstaltungen auch für unsere eigenen Athleten. Im eigenen Land international starten zu können motiviert von selbst. Wenn die Sportart vor Ort eine solche Präsenz hat und die Menschen auf kurzem Weg die Chance haben, so eine Veranstaltung live zu erleben, lockt das den Nachwuchs an. Etwas Besseres gibt es nicht.

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