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07.12.2018 | Wettkampf | Holger Teusch

Samuel Fitwi: Vom Cooper-Test zur Cross-EM

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Samuel Fitwi Sibhatu ist bei der Cross-EM in Tilburg am Sonntag die große deutsche Hoffnung bei den U23-Junioren. Dabei trainiert der 22-Jährige erst seit zwei Jahren und macht eine Ausbildung als Maler und Lackierer. Nach einem Cooper-Test am Internat in Neuerburg in der Eifel kam der gebürtige Eritreer zur LG Vulkaneifel (LGV) und tauschte Fußballschuhe gegen Spikes.

Samuel Fitwi (LG Vulkaneifel): Vom Cooper-Test zur Cross-EM (Foto: <a href="https://www.wolfgang-birkenstock.de/" target="_blank">Wolfgang Birkenstock</a>).

Samuel Fitwi (LG Vulkaneifel): Vom Cooper-Test zur Cross-EM (Foto: Wolfgang Birkenstock).

Samuel Fitwi bedient in gewisser Weise das Klischee der aus Ostafrika stammenden „Wunderläufer“. Mit Laufen hatte der im Südosten Eritreas aufgewachsene junge Mann nicht viel zu tun – außer wenn er zu spät dran war auf dem sieben Kilometer langen Weg zur Schule. Von Landsmann Zersenay Tadese, dessen Weltmeistertiteln und dem Halbmarathon-Weltrekord hatte man in seinem Dorf gehört. Aber Laufen als Sport war nur rund um die Hauptstadt Asmara ein Thema.

Das ändert sich für Samuel Fitwi auch nicht, als er übers Mittelmeer nach Europa, nach Deutschland, in die Eifel kommt. Über seine Flucht spricht er nicht viel. Seine leiblichen Eltern leben noch in Eritrea. „Ich rufe alle paar Wochen bei ihnen an“, erzählt er. Das ist gar nicht so einfach. Das nächste Telefon gibt es dort erst in einigen Kilometern Entfernung.

"Der atmet ja gar nicht"

Als seine Familie bezeichnet Fitwi auch Brigitte und Christian Linden, das Ehepaar, dass ihn nach seiner Ankunft in Deutschland in ihrer Großfamilie in Stadtkyll aufnimmt. Der Flüchtling lernt Deutsch, beginnt bei der SG Auel/Duppach/Steffeln/Oberbettingen Fußball zu spielen. An einem kalten Februar-Samstag vor drei Jahren fährt die Mannschaft statt zum Fußballspiel zum Crosslauf nach Gerolstein. Fitwi belegt mit profillosen Turnschuhen knapp vor einem fast Fünfzigjährigen in 17:52 Minuten den vierten Platz über rund 4 Kilometer. „Ich bin dreimal ausgerutscht“, erinnert er sich.

Er ist Bester seines Fußballteams, als Lauf-Talent wird Fitwi aber nicht identifiziert. Das dauert noch mehr als ein Jahr. Am Internat in Neuerburg steht in der letzten Sportstunde der Cooper-Test auf dem Plan. Fitwi rennt in zwölf Minuten mehr als drei Kilometer. Wie weit genau weiß er nicht. Nur dass sein Lehrer sagt: „Du kannst gut laufen!“

Christian Linden, der die Grundschule in Hillesheim leitet, spricht daraufhin seinen damaligen Kollegen Thorben Dietz an. Der 2:19-Stunden-Marathonläufer nimmt Fitwi mit zum gemeinsamen Training mit dem damaligen zweiten LGV-Vorsitzenden Yannik Duppich. „Der atmet ja gar nicht“, sei einer seiner ersten Eindrücke vom gemeinsamen Lauf gewesen, erinnert sich Duppich.

Rasante Entwicklung

Dann geht es rasend schnell: Fitwi beginnt bei LGV-Trainer Willy Oelert zu trainieren. Anfang August gewinnt er gemeinsam mit Duppich einen 5-Kilometer-Volkslauf in 17:47 Minuten. Einen Monat später überrascht er als Gewinner des Bitburger Stadtlaufs über 10 Kilometer in 32:55 Minuten. Im November 2016 kommt er als Drittplatzierter des Deulux-Laufs bei 31:32 Minuten an. Und im März 2017 gewinnt Fitwi den Klassiker „Rund ums Bayerkreuz“ in Leverkusen in 30:21 Minuten.

Da hat er noch kein Jahr Lauftraining hinter sich! Aber schon Enttäuschungen. Bei den Deutschen Crosslaufmeisterschaften 2017 darf Fitwi starten, wird im U23-Rennen klar in Führung liegend aber kurz vor dem Ziel aus dem Rennen genommen. Er hat noch keinen deutschen Pass.

Auch wegen dieses Erlebnisses nennt Fitwi nicht irgendeinen Sieg, nicht die Deutsche 10-Kilometer-Vizemeisterschaft mit Rheinlandrekord (29:27 min; zuvor Thorben Dietz), nicht die 1:04:42 Stunden bei seinem Halbmarathon-Debüt, sondern die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft im Januar als seinen Jahreshöhepunkt 2018. Bei der Cross-DM kurz danach wird er erstmals als Deutscher U23-Meister geehrt.

Der unbekannte Herausforderer

„Samu liebt Cross“, sagt Duppich, der seit Jahresbeginn Fitwis Training von Oelert übernommen hat. „Wenn es richtig matschig ist wie in Mol, ist das gut für mich. Das kann ich besser laufen, als so eine Strecke wie in Darmstadt“, glaubt auch sein Schützling, dass Regen und eine schwere EM-Strecke ihm in die Karten spielt. Bei dem prestigeträchtigen Rennen in Belgien lag Fitwi Anfang November unter anderem vor dem ehemaligen U23-Crosslauf-Europameister und aktuellen belgischen Meister im Gelände Isaac Kimeli.

Auf Kimeli, der im 5.000-Meter-EM-Rennen in Berlin als Fünfter ins Ziel kam, aber nachträglich wegen Verlassens der Bahn disqualifiziert wurde, trifft Fitwi in Tilburg im U23-Rennen zwar nicht, aber auf den französischen Titelverteidiger Jimmy Gressier und dessen Landsmann Hugo Hay.

Auf der Webseite des Europaverbands EAA wird Fitwi als einer der größten Herausforderer der Franzosen gehandelt. Duppich gibt sich vorsichtiger: „Alleine der Start am Sonntag ist ein herausragender Erfolg“, sagt der 28-Jährige, der vor wenigen Tagen den LGV-Vorsitz übernommen hat, aber seit Herbstbeginn in den USA studiert und Fitwi zusammen mit Andreas Keil-Forneck, dessen Vater Willi und seinem Vater Klaus betreut.

Lange Tage zwischen Ausbildung und Leistungssport

Zur Cross-EM kommt Duppich natürlich zurück nach Europa. Fitiws Vereinskameraden und Freunde haben einen Bus gechartert, um nach Tilburg zu fahren. Doch egal wie das EM-Rennen ausgeht, Mitte nächster Woche wird Fitwi wieder um fünf Uhr morgens aufstehen, um zur Arbeit zu gehen.

„Die Ausbildung ist uns sehr wichtig“, betont Andreas Keil-Forneck. Sein Chef Ari Göbels gebe ihm viele Freiheiten, sagt Fitwi. Aber wenn er mit den Gesellen des Lissendorfer Maler- und Lackierbetriebs zu Aufträgen aus der Eifel in den Kölner Raum fährt, ist um sechs Uhr Abfahrt. „Dann stehen wir nicht im Stau“, erklärt Fitwi. Und man könne um 15 Uhr Feierabend machen.

Seine Dauerläufe von 15 bis 20 Kilometer Länge kann er im Sommer im Wald absolvieren. In der dunklen Jahreszeit geht es auf eine beleuchtete Zwei-Kilometer-Runde, ins Gerolsteiner Stadion und am Wochenende auf einen selektiven Wiesenparcours am Gerolsteiner Feriendorf. Dass er dabei zuweilen über die Geschwindigkeitsvorgaben von Duppich und Keil-Forneck hinaus schießt, erklärt Samuel Fitwi so: „Wenn ich erst einmal ein Tempo am Laufen bin, dann kann ich nicht mehr langsamer machen.“ Die Frage in Tilburg wird sein, wer ihm dann noch folgen kann.

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