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18.01.2020 | Wettkampf | www.leichtathletik.de

Samuel Fitwi: Auf neuem Niveau zu neuen Herausforderungen

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Spätestens nach seiner starken Leistung über 10 Kilometer am vergangenen Wochenende in Valencia ist Samuel Fitwi Sibhatu nun endgültig in Europas Langstreckenelite vorgestoßen. Mit Hilfe eines Unterstützerteams verfolgt der Athlet der LG Vulkaneifel unbeirrt seine Ziele – Olympia steht jedoch vorerst nicht im Fokus.

Samuel Fitwi: Auf neuem Niveau zu neuen Herausforderungen (Foto: Holger Teusch).

Samuel Fitwi: Auf neuem Niveau zu neuen Herausforderungen (Foto: Holger Teusch).

Mit einer bemerkenswerten Leistung hat sich Samuel Fitwi Sibhatu (LG Vulkaneifel) am vergangenen Sonntag in Valencia (Spanien) ins Rampenlicht geschoben: 28:11 Minuten über 10 Kilometer bringen ihm Rang fünf in der ewigen deutschen Bestenliste ein. Trotz der beachtlichen Steigerung um mehr als eine halbe Minute war diese Leistung für den Athleten selbst keine Überraschung. „Das Training ist schon vorher gut gelaufen“, berichtet der 24-Jährige. Nach der Cross-EM in Lissabon (Portugal), wo er als Sechster die beste deutsche Einzel-Platzierung erzielt hatte, verbrachte er noch drei Wochen im Trainingslager in Monte Gordo (Portugal). Mit einer schnellen Zeit, so Samuel Fitwi, habe er nach der gelungenen Vorbereitung bereits gerechnet.

Samuel Fitwis Trainingssituation ist jedoch eine ungewöhnliche: Trainer Yannik Duppich, mit 29 Jahren selbst nur wenige Jahre älter als sein Schützling, lebt und studiert derzeit in den USA, schreibt die Trainingspläne aus der Ferne. Das tägliche Training des Langstreckenläufers („Ich trainiere sieben Tage die Woche“) unterstützt mit Klaus Duppich der Vater des Coachs, der selbst eine Trainerlizenz besitzt. Er betreut das Bahntraining und begleitet Samuel Fitwi auf dem Fahrrad.

„Es ist wichtig, dass bei den Kerneinheiten immer jemand dabei ist“, sagt Yannik Duppich. „Samuel ist zwar sehr eigenständig, aber manchmal muss man ihn eher bremsen, als dass man ihn motivieren muss. Er würde am liebsten jeden Tag hart trainieren.“ Zum Team um Samuel Fitwi gehören auch Teamkollege Jakob Gieße, der oft bei seinen Einheiten dabei ist, und der Crosslauf-Sieger von Darmstadt, Ilyas Yonis Osman (TV Waldstraße Wiesbaden), mit dem der 24-Jährige gelegentlich zusammen trainiert. Yannik Duppich spricht sich dann mit Osmans Trainer Günter Jung ab.

Fast immer draußen unterwegs

Für den Athleten ist die ungewöhnliche Trainingssituation kein Problem. „Mit meinem Trainer habe ich jeden Tag Kontakt übers Telefon“, sagt er. Und zeigt sich mit der Vielfalt seines Trainings zufrieden: „Im Training mache ich eigentlich alles. Läufe, aber auch Krafttraining. Zweimal die Woche mache ich das von zuhause aus, einmal gehen wir ins Fitnessstudio.“ Im Kur- und Therapiezentrum in Daun wird der Langstreckenläufer auch physiotherapeutisch betreut. Der Großteil des Trainings spielt sich aber dort ab, wo Samuel Fitwi sich am liebsten aufhält: draußen.

„Wenn ich nicht trainiere, gehe ich gerne spazieren oder spiele Fußball“, erzählt der 24-Jährige. Parallel zu seinem Sport absolviert er eine Ausbildung als Maler und Lackierer. „Mein Chef unterstützt mich“, sagt Samuel Fitwi. „Ich arbeite zwei Tage die Woche, zwei Tage habe ich frei und einen Tag gehe ich in die Berufsschule.“ An Arbeitstagen fällt das Training nicht ganz so intensiv aus, dann stehen für den Langstreckler nur lockere Läufe auf dem Programm. Im Hinblick auf seine sportliche Karriere hat er die Ausbildungszeit etwas verlängert, hofft aber darauf, sie im Herbst mit der Prüfung abschließen zu können.

Olympische Spiele in Tokio vorerst kein Thema

So hohe Priorität hat sein Abschluss für ihn, dass er seine olympischen Ambitionen zunächst hintenanstellen muss: Mit einem Start in Tokio (Japan) im Sommer plant Samuel Fitwi nicht, und diese Einstellung hat sich auch mit seiner Topzeit in Valencia nicht geändert. „Das Niveau bei Olympia ist noch zu hoch“, findet er. „Man braucht auch viel Zeit, um dafür zu arbeiten. Zeit, um ins Trainingslager zu gehen, öfter und mehr zu trainieren.“ Sein primäres Ziel für 2020 sind stattdessen die Europameisterschaften in Paris (Frankreich): „Dort will ich 5.000 oder 10.000 Meter laufen.“ 2024, wenn die Olympischen Spiele in Paris stattfinden, möchte er dann auch dabei sein.

Auch der Trainer unterstützt die Zielsetzung seines Athleten. „Im Hinblick auf Samuels Ausbildung können wir kein längeres Trainingslager planen“, sagt Yannik Duppich. „Samuel war auch 2019 nur im Dezember im Trainingslager. Er freut sich nach jedem Wettkampf darauf, wieder nach Hause zu kommen, in sein gewohntes Umfeld. Zu seiner Familie, die ihn hier in Deutschland aufgenommen hat.“

Im September 2014 ist Samuel Fitwi als Flüchtling in die Eifel gekommen. Bei seiner Pflegefamilie fühlt er sich zu Hause, doch auch seine leiblichen Eltern, die noch in Eritrea leben, bedeuten ihm viel. Gesehen hat er sie seit seiner Flucht nicht. „Irgendwann möchte ich meine Familie gerne besuchen“, sagt der Langstreckenläufer. „Wenn das Land sicherer ist und die Situation etwas einfacher.“

Frieden in Eritrea erleichtert Kontakt zur Familie

Momentan besteht regelmäßiger Kontakt über Telefonate: „Ungefähr alle zehn bis zwanzig Tage kann ich mit meiner Familie telefonieren“, sagt der Athlet der LG Vulkaneifel. Viel häufiger als noch vor einigen Jahren, wie er erzählt. „Vor drei oder vier Jahren konnte ich höchstens einmal alle zwei Monate mit ihnen sprechen. Oft gab es damals keinen Empfang. Jetzt, wo der Frieden unterschrieben ist, ist es einfacher.“ 2018 unterzeichneten Eritrea und Äthiopien nach jahrzehntelangen militärischen Auseinandersetzungen einen Friedensvertrag.

Auch jetzt funktioniert die Kommunikation noch nicht problemlos: „WhatsApp oder Internet wie in Deutschland hat meine Familie in Eritrea nicht“, sagt Samuel Fitwi. Auch unbegrenzt telefonieren ist nicht möglich, seine Familie hat nur ein begrenztes Guthaben für Telefonate zur Verfügung. Dennoch bedeutet es ihm viel, dass er seine Eltern nun regelmäßig auf dem Laufenden halten kann.

Vor Paris noch ein Halbmarathon

Mit Unterstützung seiner Eltern aus der Ferne und Freunden und Betreuern vor Ort arbeitet er derweil auf seine sportlichen Ziele hin. Die EM-Norm über 10.000 Meter (28:50 min) möchte Samuel Fitwi beim US-Meeting in Stanford (8. Mai) anpeilen. „Stanford steht für uns auf jeden Fall auf dem Plan“, meint Yannik Duppich, der zur Bahnsaison wieder nach Europa kommen und seinen Schützling zu den Wettkämpfen begleiten wird. Auch die 5.000-Meter-EM-Norm (13:40 min) haben Trainer und Athlet fest im Blick.

Für beide Strecken wäre eine Verbesserung von Samuel Fitwis momentanen Bestleistungen (13:41,37 und 28:52,03 min) notwendig. Die 10-Kilometer-Zeit von Valencia legt jedoch nahe, dass das Ziel EM-Teilnahme für den Langstreckler greifbar ist. „Die Normerfüllung traue ich ihm definitiv zu“, erklärt Trainer Yannik Duppich. In dieser Saison soll sich sein Athlet unter den besten acht Europäern auf der Bahn und auf der Straße etablieren.

Vorher geht es jedoch noch einmal nach Spanien: In Barcelona möchte Samuel Fitwi Sibhatu am 16. Februar einen Halbmarathon laufen. Seine Bestzeit aus dem Jahr 2018 steht derzeit bei 64:44 Minuten. Man darf gespannt sein, ob der 24-Jährige auch über diese Distanz mit einer Verbesserung für Staunen sorgen  kann.

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